Apulien ist reich an natürlicher Schönheit, aber es gibt auch viele bitter arme Menschen dort und zuweilen wohl auch unberechenbar korrupte. Apuliens Weine wurden Jahrzehnte lang als Verschnittware geknechtet. Natürlich ist eine solche Formulierung etwas übertrieben - auch viele Apulier waren mit diesen Zuständen letztlich zufrieden. Doch der Stachel der Demütigung bohrte sich mit der Zeit immer tiefer ins Gemüt: Reiche und immer reicher werdende Weinhäuser aus Nord- und Mittelitalien nützten ohne Scham und Hemmung diese Quelle fruchtiger, kräftiger - und spottbilliger ! - Weine, die die Schwächen manches nördlichen Roten zu kurieren half.
Man hat mir auch erzählt, dass er viel Geld verdient habe mit diesen Beraterverträgen. Ich wusste, dass Garofano es war, der Cosimo Taurinos "Patriglione" entworfen hat - denjenigen Wein, dem Luigi Veronelli, Italiens bedeutendster Weinkritiker, als erstem Wein Apuliens seine höchste Wertung, die mehr als drei Sterne geltende "Sonne" verlieh. Vollends neugierig wurde ich, als mir jemand berichtete, Garofano sei einer der wenigen, von dem sich die eigensinnigen Weinbauern des Gebiets etwas sagen liessen.

Es wird eine langsame Rückfahrt, und ich habe Gelegenheit, persönlicher zu fragen: Wie ist es gekommen, dass er zu einem so wichtigen Mann für Apuliens Weinbau geworden ist ? Ich erwarte nicht mehr, als eine resumierend knappe Antwort. Doch Garofano sagt einige Augenblicke lang gar nichts, und dann beginnt er, in seinen Sitz zurückgelehnt, ausführlich zu erzählen: "Ich stamme aus Kampanien. Noch auf der Weinbauschule bekam ich das Angebot, in Apulien zu arbeiten. Von der Firma Candido in San Donaci. Ich empfing eine Depesche des Inhalts, ich solle direkt von der Schule nach San Pietro Vernotico fahren. Auf dem Bahnhof werde mich Herr Candido abholen. Das war Anfang September 1958. Also setzte ich mich in den Zug. In San Pietro Vernotico stieg ich aus und sah mich nach Herrn Candido um. Aber niemand war da. Da stand ich nun mit meinem ganzen Gepäck." Garofano wendet sich für einen Augenblick mir zu, dann fixieren seine Augen wieder die Umrisse der Straße. Wir scheinen die einzigen zu sein, die hier um diese Zeit noch unterwegs sind. "Wenig später erfuhr ich, was los war: Streik. Es ging um die Traubenpreise...
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Das ganze Salento war durch Straßensperren abgeschnitten. Man sagte mir, ich würde kaum eine Chance haben, bis San Donaci durchzukommen. Ich ging aber doch los, und mit ein wenig Glück und der Ausrede, ich wolle einen Verwandten besuchen, schlug ich mich bis San Donaci durch." Draußen liegt der Nebel wie Blei. Garofanos Blick checkt immer wieder links den Mittelstreifen, rechts die Leitplanke. Dann erzählt er weiter: "Candido war erstaunt mich zu sehen. Er versuchte mich zu beruhigen. Es sei alles ein Sturm im Wasserglas. Ich begann meine Sachen auszupacken und abzuwarten, was geschehen werde. Die Trauben waren schon reif. Aber an die Lese war nicht zu denken." Wir kommen in ein Dorf. Ein Ortsschild ist erkennbar, ohne dass man es lesen könnte. "Die Bauern versammelten sich in einer Bar im Zentrum von San Donaci. Ich werde Ihnen das Haus nachher zeigen, wir werden daran vorbeifahren." Schon sind wir wieder aus der Ortschaft heraus, Garofano versucht es noch einmal mit den Nebelleuchten. Und lässt den Schalter sogleich wieder zurückschnappen. "Die Streikenden versammelten sich, um zu beratschlagen. Auch ein paar der Leute von Candido waren dabei. Sie wollten die Bauern umstimmen. Die Stimmung war gereizt. Schließlich gab es lautstarken Streit.
Da standen drei der Bauern auf und gingen Candidos Angestellten ans Leder. Sie fingen an, sie zu verprügeln. Und die haben ihre Pistolen gezogen und geschossen." Ich blicke nach links. Garofano setzt nach: "Es gab drei Tote." Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Schweigend setzen wir die Fahrt fort. Als wir San Donaci passieren, deutet Garofano für einen kurzen Moment nach rechts, sagt: "hier", und schon sind wir vorbei. Schliesslich erreichen wir Salice Salentino. Es ist kurz vor 2 Uhr, neblige Nacht in Apulien. Ich steige aus und sage Aufwiedersehen. Nachdenklich gehe ich auf mein Hotelzimmer.