Die Häuser in Konstanz' mittelalterlichem Stadtteil Niederburg sind schmal und eng aneinandergebaut. Ihr stiller Trotz aus Mörtel und Stein hat Jahrhunderte überdauert. Er ruft ins Bewußtsein, wie vorübergehend die Nutznießerschaft des einzelnen Bürgers an der Burg ist - und gibt Bewohnern wie Besuchern Anlaß, ihre eigene vergängliche Existenz an der geschichtlichen Dimension eines solchen Ortes zu messen. Was bleibt, sind die nur zum Anschein trivialen Dinge des Lebens: daß der Mensch eine Behausung habe, nicht alleine sei, und daß er esse und trinke.
Dem Trinken brachten die Stadtbewohner schon immer besondere Aufmerksamkeit entgegen. 1225 wurde die Konstanzer Spitalstiftung gegründet. Wie es später auch die Stiftungen in Würzburg, Beaune, Cressier und anderswo einrichten sollten, bildeten Weinbau und Kellerei das ökonomische Rückgrat des sozialen Engagements. Die Verknüpfung von Gemeinsinn und lokaler Weinbautradition ist in hohem Ausmaß identitätsstiftend. Auch dieser Vorgang hat die Jahrhunderte überdauert. Noch heute hat die Spitalkellerei ihren Platz in der Niederburg. Eine der prägenden Erinnerungen meiner Kindheit ist jenes schlichte, mit ein paar Winkeln an der Wand befestigte Holzbord, auf dem im damaligen Verkaufsraum die Spitalweine ausgestellt wurden: Aus der Kinderperspektive ...
Der Bodenseeraum gehört nicht zu den großen, aber zu den historisch besonders legitimierten Weinbauregionen. 884 brachte Karl der Dicke den Pinot noir aus Burgund ans Bodenseeufer nach Bodman, an diejenige Kaiserpfalz, nach der später der ganze See benannt wurde. Früher ist diese Sorte nirgends im deutschsprachigen Raum gewachsen. Man muß wohl vermuten, daß das ganze Mittelalter hindurch und bis weit ins 19. Jahrhundert hinein keine noblen Rotweine am See gewachsen sind. Der Herbst kann am See sehr neblig und feucht sein. In Zeiten ohne Pflanzenschutz war der Bodensee-Spätburgunder ...
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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde diese qualitative Tradition um einen zweiten Aspekt erweitert. Man getraut es sich heute kaum noch auszusprechen, doch die zweite qualitative Säule der Bodensee-Weinkultur ist der Müller-Thurgau. Der Müller-Thurgau findet am Bodensee ideale Bedingungen, und aus der Distanz fragt man sich, wo sonst die Rennaissance dieser durch Massenweine und Negativprestige geschundenen Sorte beginnen könnte - wenn nicht hier. Gute Bodensee-Müller-Thurgau zeigen eine dezente Muskatwürze ohne Aufdringlichkeit, sind leicht ohne Schwäche, feinnervig ohne Säureüberschuß. In ihrer Struktur können sie an den Zuschnitt erinnern, den das auf ideale Weise grenzwertige Klima der Mosel dem Riesling angedeihen läßt. Natürlich bleiben Müller-Thurgau-Weine Müller-Thurgau-Weine. Doch auch die Kunst des Einfachen kann zu hoher Perfektion entwickelt werden. Mittelmäßige Müller-Thurgau allerdings liefern Anschauungsmaterial dafür, warum sich der Bodenseewein meist auf eine bloß regionale Bedeutung zurückgeworfen sieht.
Es paßt ins Bild, daß der Züchter der Sorte, Hermann Müller, genannt Müller-Thurgau, am Bodensee geboren ist. In diesen Tagen, am 21. Oktober 2000, jährt sich sein Geburtstag zum 150. mal. Die vita des Gelehrten führte in ganz typischer Bodenseemanier hin und zurück über die Landesgrenze: von Tägerwilen, schweizerseits drei Kilometer vor den Toren der Stadt Konstanz gelegen, über Würzburg in Franken und...